
Gedichte & Balladen
Frau Rösel
0 Aufrufevon Gottfried Keller (1819-1890)
Frau Rösel ist eine gute Frau,
wie liebt sie ihren König,
den König und sein ganzes Haus
und isst und trinkt so wenig!
Die gute, arme Frau Rösel.
Und als es hieß, der junge Prinz
wird seine Braut heimführen,
da sprach der Vogt: "Auf, gute Frau!
Ihr müsst das Haus verzieren!"
Die gute, arme Frau Rösel.
Nun hat Frau Rösel dick zu tun,
wie trippelt sie und wie lauft sie!
Ein Dutzend Fähnchen und Goldpapier
und junge Birken kauft sie,
die gute, arme Frau Rösel.
Sie geht zum Wald und sammelt Moos,
beim Nachbar bettelt sie Schnüre
und alte Nägel und derlei Zeug,
beim Schuster Kleister und Schmiere,
die gute, arme Frau Rösel.
Dann schafft und keucht sie den ganzen Tag
und sinnt und klopft und klittert,
bis dass ihr Häuslein um und um
behangen und beflittert,
die gute, arme Frau Rösel.
Herr Bunzelmann, der alles kann,
hilft ihr studieren und kleben,
macht Wappen und Kron und Namenszüg,
trinkt zwölf Maß Bier daneben
der guten, armen Frau Rösel.
Und aus dem letzten Groschen
kauft sie Brot und frische Butter
und sitzt vergnügt vor ihrem Haus
und harrt der Landesmutter,
die gute, arme Frau Rösel.
Doch ist sie müd, sie sitzt und schläft,
hört nicht das Schießen und Lärmen,
und sie entschläft für allezeit,
es kann sie nichts mehr härmen,
die gute, arme Frau Rösel.
Sie sieht nicht, wie vorüberrollt,
als von der Luft getragen,
im Sonnenschein der Freudenzug
der königlichen Wagen,
die gute, stille Frau Rösel.
Denn hinten auf dem hintersten
im goldbetressten Kleide
ein Jäger stand, der hieß der Tod,
und löst' sie von dem Leide,
die gute, arme Frau Rösel.
Heut kommt der Vogt herbeigerannt
und kratzt sich an den Ohren:
"Nun hab die letzte Steuer ich
aus eigener Schuld verloren
am alten Weib, der Rösel!
Was soll ich denn dem toten Weib,
dem hinterlistigen, pfänden?
Es bleibt mir nichts als Flitterkram
und welkes Laub in Händen!
Das schlechte Weib, die Rösel!"
Der Künstler auch, Herr Bunzelmann,
er kam herbeigehunken:
"Gut ist es, dass mein Honorar
ich auf der Stell getrunken!"
Die gute, arme Frau Rösel.