
Von Nora Runge geschrieben
Die Entrümplungsaktion
1 AufrufeAm Montag kommen die Handwerker, um an der Kellerdecke eine Dämmung anzubringen.
Sie kommen nicht überraschend, nein, wir wissen es seit Wochen. Nur konnte sich keiner von uns überwinden, den Saustall da unten aufzuräumen! Wir haben es schlicht und einfach ignoriert und vor uns hergeschoben.
Ich, weil ich genau wusste, was da auf mich zukommt. Mein Mann, weil er sich einfach dafür nicht zuständig fühlte.
Sonnabend: Während ich noch den Frühstücktisch abräume, schnappt Männe sich den Kellerschlüssel und stiefelt nach unten. Na ja, denke ich, lass' ihn mal machen. All' die Jahre hat er sich erfolgreich davor drücken können.
Als ich im Garten bin, um unsere Goldfische zu füttern, höre ich aus dem Keller ein Gepolter, Geschimpfe und Gefluche. Oje, es ist wohl besser, ich helfe ihm, bevor die ganze Sache eskaliert!
Als ich die Treppe herunter komme, werde ich von unserer Nachbarin begrüßt: „Na, Nora, müsst Ihr auch noch Euren Keller aufräumen?“ Ich nicke nur.
Vor unserer Kellertür angekommen, trifft mich fast der Schlag!
Kartons, Tüten und Körbe, alle randvoll mit irgendwelchen Sachen, stehen im Kellergang. Aber bei unserer Nachbarin auf der anderen Seite sieht es auch nicht anders aus.
„Es kann ja wohl nicht wahr sein, was Du alles aufhebst! Wo sollen wir das jetzt alles lassen?“, werde ich mürrisch angefahren.
„Ich sortiere alles aus, was weg kann“, gebe ich ganz kleinlaut von mir.
„Waaaas?? Du willst das doch nicht alles wieder in den Keller stellen?“
„Ich muß es mir erst ansehen ...“
„Dann kannst Du alleine weitermachen!“, poltert mein Mann und entschwindet.
Wie ein begossener Pudel stehe ich nun inmitten des Chaos' und weiß nicht, wo ich anfangen soll.
Er ist ja im Recht! Vieles von dem, was hier steht, hätte ich gleich wegwerfen sollen. Aber nach dem Tode unserer Mütter gab es soviele Dinge, von denen ich mich einfach nicht sofort trennen konnte. Aber heute wird Kahlschlag gemacht!
Mit dem alten Kleiderschrank fange ich an. Er ist gerammelt voll mit Spielen, Puzzles und Playmobil-Autos unserer Söhne. Auf dem Schrank in einer Kiste lagert die Playmobil-Burg vom Stefan. Das kann ich nicht wegwerfen! In einem anderen Schrank stapeln sich „Cinema“-Hefte, „Clever und Smart“, „Flash Gordon“-Cassetten, die unser Großer gesammelt hat, und die sein ganzer Stolz waren. Ganz unten stehen ein Karton und der alte Schultornister unseres Kleinen. Auf beiden klebt ein großer Zettel, von Roman geschrieben: „Nicht wegwerfen! Das sind meine Überraschungseier-Figuren!“ In der anderen Ecke des Schrankes steht ein alter Kissenbezug, vollgestopft mit Kuscheltieren unserer Söhne.
Ich bin ratlos. So komme ich nicht voran!
Ich sause nach oben in die Wohnung, rufe unsere Jungs an.
„Papi und ich räumen den Keller auf. Da sind noch viele Sachen von Euch. Wenn Ihr sie haben wollt, kommt und holt sie ab! Sonst landen sie im Müllcontainer!“
Unser Stefan verspricht, gleich vorbeizukommen. Roman hat keine Zeit: „Pack' alles in einen Karton. Ich komme am Montag und hole es ab.“
Als ich wieder in den Keller komme, steht mein Göttergatte vor den Regalen.
„Komm, lass' uns gemeinsam gucken, was alles weg kann.“
Sein Ton klingt schon versöhnlicher.
Er steckt alte Umzugskartons zusammen.
Als Erstes kommen dort die Weckgläser hinein. Für zwei Personen lohnt sich das Einwecken eh' nicht mehr. „Das kann man alles viel billiger in Gläsern und Dosen kaufen“, erklärt mein Mann mir. Stimmt!
„Wozu brauchen wir eigentlich den ganzen Christbaumschmuck? Wir haben ja alles doppelt und dreifach!“ Irrtum, mein geliebter Mann! Alles nur ein Mal da! Eben nur in verschiedenen Farben. Der Baum wird immer nach meiner momentanen Stimmung geschmückt: Mal ganz in Gold, mal in Rosa oder Silber und auch mal bunt. Ich ernte nur ein verständnisloses Kopfschütteln. Aber da ich seit Jahren für das Baumschmücken zuständig bin, behält er seine weiteren Kommentare für sich.
„Was willst Du denn mit den vielen Blumen-Übertöpfen? Brauchst Du doch gar nicht.“
Wirklich! Die stehen im Regal in allen Farben und Größen. Ist mir nie aufgefallen ...
„Können weg. Nur von den weißen werde ich einige behalten“, gebe ich nach.
Inzwischen ist unser Stefan eingetroffen und wühlt auch in den Regalen herum.
Was er gebrauchen kann, packt er ein.
„Willst Du Deine Hefte nicht mitnehmen?“
„Dafür habe ich keinen Platz! Die lasst liegen, bis ich eine größere Wohnung habe.“
Aha! Alles bleibt wie es war, die Schränke werden nicht leer.
Unter dem Regal steht die Carrera-Autobahn und ein Stabil-Baukasten.
„Man, die gibt es ja auch noch! Nicht wegwerfen, die gehören mir!“
Ja, aber nur, weil Mami alles aufgehoben hat!
„Mensch, was ist denn das?“
Mein Mann zerrt etwas aus dem Regal, das sorgsam eingewickelt ist. Die Schultüte unserer Kinder. Vier Kinder wurden damit eingeschult: Unsere Jungs und unsere beiden Nichten. Bevor ich noch reagieren kann, hat er das gute Stück zusammengetreten und in den Karton mit dem Altpapier geworfen.
„Ich denke, die hat ihre Pflicht getan!“ Ich schlucke – hat sie wohl.
„Da sind sie ja!“
Die Osterhasen, die ich vor Ostern verzweifelt gesucht hatte.
„Dscha, sowas nennt man Ordnung! Zu Weihnachten findest Du die Hasen und zu Ostern den Adventsschmuck“, gibt mein Sohn bissig seinen Senf dazu.
„Das ist ja auch kein Wunder! Jeder, der hier was sucht, kehrt das Unterste nach oben!“
„Hä? Ich wohne schon seit 13 Jahren nicht mehr bei Euch! Wenn ich was gesucht habe, habe ich alles wieder ordentlich hingelegt. Das wird wohl eher mein Bruder gewesen sein“, schnauft der Große entrüstet.
„Stefan, hier steht noch Dein Aquarium. Willst Du das mitnehmen?“
„Nööö, die Dichtungen sind kaputt. Das hält kein Wasser mehr. Kannste entsorgen.“
„Gut, dann kann Mareike es haben!“
„Was will denn DIE damit??“
„Blumen hineinpflanzen.“
„Aber es ist mein Aquarium!“
„Also, was nun? Nimmst Du es mit oder nicht!“
Beleidigtes Schweigen!
Nach einer Weile: „Gut, soll sie selig werden damit!“
Das sind so die kleinen Nettigkeiten zwischen den Kindern!
Mein Mann findet einen Beutel mit Schuhen – alle nagelneu, noch mit Preisschild.
„Hier, die hatte ich Deiner Mami mal mitgebracht. Hat sie nie getragen!“
„Wie sollte ich auch? Sie sind alle in Größe 37. Ich brauche 38!“
„Woher sollte ich das wissen??“
Ja, woher auch – nach 40 Ehejahren!
Oben auf dem Regal findet mein Ehegesponst eine Lampe. Drei Holzbeine und einen Schirm aus Peddigrohr. „Die stand doch mal auf meinem Nachttisch!“
Ja, stand sie! Ich hatte sie ihm geschenkt, als wir noch verlobt waren.
Männe sinniert: „Wenn die erzählen könnte ...“
Sohnemann grinst unverschämt.
In der Kellertür steht unsere Nachbarin: „Mensch, das finde ich aber toll, dass Ihr die noch aufgehoben habt. Das ist ja richtig romantisch.“
Ich ziehe aus einer Schublade eine dicke Mappe mit Zeichenblättern heraus. Die ersten Malversuche unserer Kinder. Alle Blätter mit Namen und Datum versehen. Schnell schiebe ich sie wieder in den Auszug, damit sie nicht der Vernichtungswut meines Mannes zum Opfer fällt. Bei Gelegenheit werde ich mir die Kunstwerke mal wieder ansehen.
„Kann das weg?“
Mein Mann stellt einen Korb mit Zeitungsausschnitten auf den Boden.
„Nein, das sind alles Rezepte, die ich gesammelt habe.“
„Und was willste noch damit?“
„Mal sehen, vielleicht entdecke ich ja noch ein tolles Rezept.“
„Du spinnst!“
Jetzt steht der Korb in meinem Arbeitszimmer. Ich werde die Schnipsel aus 30 Jahren Sammelwut durchforsten – und dann wohl doch dem Altpapier-Container übergeben.
Auch die alten Kasperle-Figuren der Kinder kommen wieder zum Vorschein. Schmunzelnd erinnern wir uns an die selbstinszenierten Theatervorführungen der Jungs, bei denen besonders die beiden Großmütter ein begeistertes Publikum abgaben.
Stefan entdeckt einen Karton voller Häuserreliefe aus Keramik.
Sie zierten mal die Wand in unserem Flur. Es war ein ganzes Dorf.
„Die können doch weg.“
„Nein, die verkaufe ich auf dem Flohmarkt!“
Verwundert höre ich das meinen Mann rufen.
Will er nicht schon seit Jahren unseren alten Ramsch dort verhökern?
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Du brauchst gar nicht zu grinsen! Ich habe das schon mit Frau Wunderlich abgesprochen. Wir besorgen uns einen Tapetentisch und gehen zusammen auf den Flohmarkt!“
Ich werde meine Nachbarin mal fragen, ob es stimmt.
Auch die Rollschuhe seines Vaters bringt Stefan wieder ans Licht.
„Dieter, was soll damit passieren?“
Ratlos betrachte mein Mann die Dinger.
Sein Sohn nimmt sie ihm aus der Hand, wirft sie in einen der Kartons.
„Aber ...“
„Man, Du willst damit doch wohl nicht mehr laufen! In Deinem Alter! Du brichst Dir dabei doch alle Knochen!“
Der „alte Mann“ preßt nur die Lippen zusammen und sagt nichts.
Ich behalte meine Meinung dazu besser für mich!
Hinter einem der Schränke finden wir zusammengerollte Abdeckfolie voller Farbe.
„Die kann in den Gelben Sack.“
„Die können wir doch bei der nächsten Renovierung nochmal verwenden!“
Wann?? In zwanzig Jahren? In ungefahr diesen Zeiträumen würde unsere Wohnung nämlich gestrichen werden, fänden sich unsere Söhne nicht zwischendurch bereit, das zu übernehmen. Mein Mann sieht – leider – diese Notwenigkeit nicht ein. Aber ich nehme es hin ... es ist eben nicht jeder ein geborener Heimwerker!
Wir finden noch einen Karton mit Keramiktieren: Hunde, Enten, ein großer Pinguin, kleine Pferde und Hähne. Alles Geburtstagsgeschenke meiner Söhne für mich, als sie noch klein waren. Was mit diesem Zoo geschieht, müssen wir uns noch überlegen.
Es kommen noch diverse Plastiktüten zum Vorschein. Alles Sachen von meiner Mutter. Ein Sammelsurium aus Adventschmuck, Fensterbildern, Türkränzen und alles, was sie so aufgehoben hatte. Ich weiß noch genau, wo alles in ihrer Wohnung stand und hing. Es fällt mir sehr schwer, aber ich kann es nicht alles aufheben ...
Neben dem Wäschetrockner steht ein grosser Wäschekorb voller Wolle. Alles noch Reste aus der Zeit meiner Strickwut. Der bleibt auch stehen! Vielleicht kann ich das eine oder andere Knäuel noch verwenden.
Langsam füllt sich Karton für Karton.
Mein Mann schleppt die Kartons zum Auto und fährt alles gleich zur Deponie.
Unser Sohn hat es auch eilig wegzukommen, weil er mit seiner Lebensgefährtin noch einkaufen muß.
Als mein Mann zurückkommt, bin ich gerade dabei den Keller auszufegen, begleitet von heftigem Niesen und Husten.
Männe steht mitten im Raum und sieht sich um: „Klasse! Jetzt haben wir wieder richtig Platz!“
Aber ich weiß ganz genau, dass ich in den nächsten Monaten verzweifelt nach den Sachen suchen werde, die jetzt als unbrauchbar und unnützlich entsorgt wurden.
Unsere Entrümplungsaktion hat aber auch einen Vorteil: Ich laufe nicht mehr Gefahr mir die Haxen zu brechen, wenn ich versuche, über einen 'Trampelpfad' den Wäschetrockner zu erreichen.
© Nora Runge
Verfasser: Nora Runge